Zwischen Modenschau, Konferenz und Messe: Die Berliner Fashion Week im Winter 2019

Fotos von Sinan Erbas

Ich sitze im Zug nach Berlin. In die Leiste über mir habe ich zwei große Koffer gehievt, voller Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Schmuck, Taschen und einem kleinen Survivalpaket bestehend aus Blasenpflastern, Kopfschmerztabletten und meiner Kreditkarte. Was mich erwartet weiß ich noch nicht, nur, dass viele spannende Events vor uns liegen. Uns? Ach so, das sind mein Mann Sinan und ich. Aber bevor es so richtig losgeht, treffen wir uns bei und mit guten Freund*innen, die in Berlin wohnen und dessen Wohnzimmer wir dankbarerweise in ein Ankleide-, Schlafzimmer und gleichzeitigen Laufsteg verwandeln dürfen. Und so startet die Woche mit guten Gesprächen über Gott und die Welt und mit gutem Wein.

Mit einem sorgfältig kuratierten Outfit – karierter Midirock mit großen Statementknöpfen und currygelber Seidenbluse kombiniert mit weißen Sneakern und silbernen Kreolen – geht es los zum ersten Termin: die nachhaltige Messe NEONYT. Neben unfassbar kreativen und fortschrittlichen Labels gibt es bei dem globalen Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation auch ein vielfältiges Programm, bei dem sich dieses Jahr alles um die rar werdende Ressource Wasser dreht.

Bei unserem ersten Rundgang durch die Messehalle treffen wir Megan aus dem Partnership Office der Vereinten Nationen. Sie ist von der Conscious Fashion Campaign und wir kommen ins Gespräch. Sie ist begeistert von meiner Idee des feministischen Modeblogs und noch bevor ich richtig realisiere was geschieht, bereite ich mich auf ein spontanes Interview für die Kampagne vor. Ich bin wahnsinnig aufgeregt – aber vor allem dankbar für die tolle Möglichkeit meine Idee zu verbreiten und die Consciuos Fashion Campaign zu unterstützen. Und so denke ich an eine meiner New Year’s Resolutions: Stelle dich jeden Tag einer Herausforderung und sammele mich kurz. Was bedeutet also Conscious Fashion für mich? Bewusstsein. Bewusstsein für die Produktionsverhältnisse und –abläufe, ein Bewusstsein dafür, wo die Kleidungsstücke herkommen; transparente Handelsketten also. Ein wichtiger Schritt in eine fairere Welt. Marie Nasemann machte kürzlich im Gespräch mit Instyle Germany den Vorschlag, an jede Ladentür die Arbeitsbedingungen der Hersteller*innen zu kleben. Das wäre doch mal eine Idee!

Das Interview wird in ein paar Wochen auf der Kampagnenseite hochgeladen und ich werde es hier verlinken – so stay tuned.

Nachdem mein Puls nun das erste Mal bei gefühlten 180 war, drehen wir eine weitere Runde und lassen uns von den innovativen Designs der Aussteller*innen inspirieren. Dann geht es auch schon weiter zur Villa Elisabeth und der benachbarten St. Elisabeth Kirche. Dort findet dieses Jahr sowohl der Berliner und der Vogue Salon statt. Das Herzstück der Berliner Fashion Week – so zumindest Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Seit 2014 dient er als Präsentationsplattform für Berliner Designer.  Die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betrieb/Projekt Zukunft unterstützt den Berliner Salon seit Beginn und ist inzwischen zu einer Institution der Berliner Fashion Week herangewachsen. Neu ist der Ausstellungsort. Die Seitenflügel der Kirche dienen als Schaufläche für die Designer*innen. Jede*r darf zwei Puppen bekleiden – was weniger Präsentationsfläche als in den Jahren zu vor bedeutet, als die Gruppenausstellung noch im Kronprinzenpalast kuratiert wurde. Neu ist außerdem, dass die Ausstellungsobjekte im Mittelschiff der Kirche frei kombiniert wurden und so keine Puppen im „One-Single-Label-Look“ entstehen, was dem echten Kaufverhalten natürlich deutlich näher kommt. Denn wer kleidet sich im echten Leben tatsächlich von Kopf bis Fuß im selben Label?

Die Atmosphäre beim Berliner Salon unterscheidet sich von der Neonyt. Es ist Mode für eine andere Zielgruppe und für ein höheres Budget. Und die Designs sind schlicht atemberaubend. Mein persönlicher Favorit werden die Teile von Steinrohner und von Wald Berlin. Bei den Mädels von Steinrohner dreht sich alles um Weltkarten. Steppjacken und –röcke, feine Blusen oder Halstücher – sie bestehen aus Weltkarten und sind die perfekten Begleiter für Everyday and Alltime Explorer. Steinrohner ist ein junges Berliner Label, dass mit moderner Laser-Cut Technologie und traditioneller Strick-, sowie Handarbeitstechniken aus ausgewählten Textilien avantgardistische Mode kreiert, die es jedoch nicht verfehlt auch im Alltag tragbar zu sein (vgl. https://fashion-week-berlin.com/designer/single-designer/steinrohner.html). Aber auch die Designs von Working Titel inspirieren mich. Die ästhetischen Entwürfe sind ohne jedes Plastik produziert und verbinden damit erstklassiges Design mit nachhaltigen Themen.

Wir führen viele spannende Gespräche über die Ausdrucksmöglichkeiten, die unsere Kleidung birgt und darüber, wie Mode und Feminismus eigentlich zusammenpassen. Besonders in Erinnerung bleibt mir das Gespräch mit Wald Berlin. Das ehemalige Model Joyce Binneboese und die Stylistin Dana Roski sind die Gründerinnen des Labels. Ihre Schmuckkollektion vermitteln Fernweh und Reiselust. Über die Notwendigkeit eines feministischen Blicks auch im Bereich der Mode sind wir uns sofort einig. So produziert Wald Berlin nur in Deutschland und zwar werden Mütter, die sich bewusst dafür entschieden haben Zuhause zu bleiben um Care-Arbeit zu leisten, aber trotzdem einer Beschäftigung nachgehen wollen, von einer Goldschmiedin eingearbeitet. Auch Großmütter werden beschäftigt. Anschließend werden Materialien und Video-Tutorials nach Hause geschickt und der Schmuck kann von dort aus produziert werden.

Einige nette Unterhaltungen später verabschieden wir uns- mit knurrenden die Mägen. Denn nach einem mageren Frühstück waren die Termine so dicht gepackt, dass ich ganz vergessen habe zu essen. Ein Anfängerfehler? Und so führt uns der nächste Weg zur Imbissbude und wir verdauen die vielen neue Eindrücke im wahrsten Sinne des Wortes über einer Nudelbox. Der Abend mit unseren Freund*innen bietet genau das richtige Kontrastprogramm. Über mexikanischem Essen und erstklassigen Cocktails erwachen in uns die Philosoph*innen.

Der Abend ist lang und die gute Gesellschaft rächt sich am nächste Tag, als früh morgens der Wecker klingelt. Das Programm für heute ist noch voller. Wir starten mit einer weiteren Messe, der Premium. Die Location ist klasse – ein altes Kühlhaus. Der industrielle Charme hat es uns gleich angetan und lässt das Fotografenherz meines Mannes höherschlagen: Lichtinstallationen und üppiger Blumenschmuck zieren alte Backsteinziegel und hohe Decken. Hier stellen nun Labels aus, die wir alle aus den Innenstädten kennen und die Atmosphäre ist direkt stressiger. Hier geht es um Kommerz und Konsum. Darüber kann auch die Installation „Because there is no Planet B“ von Juan Garaizabal nicht hinwegtäuschen. Also verschaffen wir uns einen kurzen Überblick und verschwinden schnellstmöglich um den Leerlauf bis zur nächsten Show zu nutzen, durch Berlin zu schlendern und so laufen wir zum E-Werk, in dem wir die Runway Show von Rebekka Ruetz ansehen. „Rebekka Ruétz steht für eigenwillige und extravagante Kreationen mit spannenden Materialmixen“, so steht es auf der offiziellen Seite der Mercedes Benz Fashion Week, kurz MBFW. Und die Beschreibung trifft ins Schwarze. Zu lauter Rockmusik entführt uns die österreichische Designerin in ihre Welt und präsentiert die neue Kollektion. Dabei hat sie sich einer schier unendlich scheinenden Farbpalette bedient und aufregende Gürtel und lange Bänder mit Blockschrift-Aufschriften (z.B. „ACTION“) bilden das krönende i-Tüpfelchen.

Den Abschluss unserer Abenteuerreise bildet erneut die Neonyt. Hier hören wir den Paneltalk von Blue Ben, ein Label, dass in den letzten 17 Monaten einen neuen Stoff entwickelte, dass zu 100 Prozent aus Buchenholz besteht und 94 Prozent weniger Wasser verbraucht als konventionell angebaute Baumwolle.

Wir lassen uns außerdem noch von dem Salzburger Label Erdbär inspirieren (und überzeugen), die nicht nur nachhaltige Mode schaffen, sondern dessen gesamter Store nachhaltig und kompostierbar ist.

Mein Fazit: Die Mischung von Messe, Konferenz und Modenschau der Neonyt hat mich absolut begeistert und gecatcht. Ich hab so viele inspirierende Gespräche geführt und viele weitere Artikelideen gesammelt (so stay tuned!) Auch der Berliner Salon ist eine einzigartige Erfahrung gewesen. Sophisticated ist das Wort, das es meiner Meinung nach am besten trifft – alle Übersetzungsversuche klingen notdürftig. Auch hier bin ich super inspiriert von den kreativen und weltoffenen Menschen, denen ich begegnet bin – oder die ich mit einer Spur Ehrfurcht aus der Ferne beobachtet habe. Beide Veranstaltungsformate vermitteln Innovation, Fortschritt, Mut und Visionen. Der reine Konsum rückt dabei, so zumindest mein Eindruck, in den Hintergrund.


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