zwischen Ankommen und Muttertag

Wir sind inzwischen ein paar Wochen zurück in Deutschland – es ist erstaunlich wie schnell der Alltag wieder unsere Herrscherin geworden ist. Da wir unseren Urlaub für die Auslandsreise nutzen mussten, starteten Job – und Uni sowieso – direkt am Tag nach der Landung. Zack, da waren wir also! Aber der alte Trott will sich doch nicht so recht einstellen lassen. Ich hatte zuvor schon zu verschiedenen Gelegenheiten im Ausland gelebt. Und irgendwie war ich immer froh, als die Zeit der Heimreise gekommen war. Nicht, dass die jeweilige Zeit nicht gut gewesen ist – aber Zuhause erwartete mich mein Leben und meine Familie. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass dieses Mal mein Verlobter mitgereist ist und ich somit einen Teil meiner Familie bei mir hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Dimensionen der USA einfach unfassbar sind und ich – im Gegensatz zu vorherigen Reisen – nicht das Gefühl hatte, das Land in seiner Gänze erfahren und verstanden zu haben. Aber der Zeitpunkt der Rückreise aus New York trat zu früh ein. Ich war nicht startklar. Und genau dieses Gefühl heftete sich wie ein enganliegender Regenmantel an meinen Körper – und wenn ich ehrlich bin, begleitet es mich noch immer etwas. Heimat? Was ist das überhaupt? Unser neues Heimatministerium, das ausschließlich von Männern – mit Horst Seehofer an der Spitze – angeführt wird, hat mit meiner Heimat jedenfalls nichts zu tun. Diese liegt bei meiner Familie, meinen Freund*innen. Bei bestimmten Menschen fühle ich mich Zuhause. Bestimmte Menschen bilden meine Heimat – aber Orte? Ich denke kurz nach. Orte waren es irgendwie noch nie. Das macht mich frei – und ich genieße das. Gleichzeitig fällt es mir dieses Mal jedoch richtig schwer, mich nach der Rückkehr wieder heimisch zu fühlen. Nach einer großen Streich- und Renovierungsaktion in unserer schönen Maisonettwohnung fühl ich mich dann doch viel wohler. Und dann sind da natürlich auch die entsprechenden Personen, die mich willkommen heißen. Eine liebe Freundin hatte überraschenderweise für uns eingekauft und uns erwarteten Blumen und Karten. Und so habe ich mich doch schnell wieder völlig eingelebt.

Der nächste Sonntag ist dann direkt Muttertag. Seit ich denken kann hab ich ein gestörtes Verhältnis zu diesem Tag. Es fing damit an, dass meine Mutti den Tag als reinen Konsum beschimpfte und mir erklärte, dass sie keinen besonderen Tag brauche, an dem ich ihr meine Liebe und Dankbarkeit zeige. Meine Lehrer*innen interessierte das in der Grundschule natürlich herzlich wenig und so musste ich seitenlange kitschige Gedichte auswendig lernen, die ich meiner Mama eh nicht aufsagen würde. Ich hab’s gehasst! Als ich älter wurde und mich inhaltlich mit dem Tag auseinandersetzte hat sich meine quasi anerzogene Abneigung gegenüber dem Tag nicht gelegt. Ins Leben gerufen wurde er von der US-amerikanischen Methodistin Anna Marie Jarvis, die den Gedenktag 1907 ursprünglich in Erinnerung an ihre verstorbene Mutter initiierte, sich in den Folgejahren dafür einsetzte, dass der zweite Maisonntag ein offizieller Ehrentag für Mütter wurde. Schon 1914 schien dieses Ziel erreicht, als der US-Kongress die „Joint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother’s Day“ erließ. Die Kommerzialisierung des Tages ließ nicht lange auf sich warten und Jarvis soll als Reaktion wiederum für die Abschaffung des Tages gekämpft haben – wie wir heute wissen: erfolglos! Eine internationale Verbreitung ließ nicht lange auf sich warten und so wurde der erste Muttertag im Mai 1923 in Deutschland zelebriert. Hier wurde er zunächst vor allem von der Blumenindustrie genutzt und als Tag der Blumenwünsche gefeiert. Die Zeit des Nationalsozialismus wusste den Muttertag dann für sich zu nutzen: So wurde 1933 der Muttertag zum öffentlichen Feiertag erklärt. Besonders kinderreiche Mütter wurden als Volksheldinnen gefeiert und geehrt. So wurde der Tag mit der Idee der „germanischen Herrenrasse“ verknüpft und weitere Formate der Ehrung wurden entwickelt, so zum Beispiel auch das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter, welches 1939 zum ersten Mal verliehen wurde.

Aufs übelste instrumentalisiert, ist der Muttertag also einfach kein Tag, an dem ich gerne meine – und auch nicht irgendeine andere Mutter – ehre und beschenke. Und heute hat der zweite Maisonntag auch keine staatliche Verankerung mehr. Vielmehr ist es eine Übereinkunft zwischen verschiedenen Wirtschaftsverbänden, die in unserer kapitalistischen Gesellschaft maximalen Profit schlagen. In der DDR wurde der Muttertag übrigens nicht gefeiert. Dort lag der Fokus auf dem 8. März – dem internationalen Frauentag. So wurde nicht nur den Müttern, sondern auch den Frauen, die keine Kinder hatten – ganz gleich ob selbstbestimmt oder auf gesundheitliche Beeinträchtigungen zurückzuführen, ob jung oder alt – gedacht.

So kommt es, dass in meiner Familie dem Muttertag absolut keine Bedeutung beigemessen wird. Er ist ein Sonntag, wie jeder andere. In der Familie meines Verlobten sieht das jedoch etwas anders aus. Schon Wochen vorher bereitet uns der Tag nun also Kopfschmerzen, weil wir versuchen, über unseren Schatten zu springen und den Tag für meine Schwiegermama in spe so schön wie möglich zu machen – ohne dabei auf den Kapitalismus hereinzufallen. Denn egal, wie wenig der Tag mit Feminismus zu tun hat, ist es natürlich das gute Recht jeder Frau sich feiern lassen zu wollen, wann immer sie möchte. Aber mal ehrlich? Kann es nicht jeder Tag sein? Warum versteifen wir uns da auf diesen zweiten Sonntag im Mai? Lasst uns jeden Tag so Leben, als wäre unser Geburtstag! Als wäre Muttertag! Als wäre internationaler Frauentag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.