#wirsindmehr

Foto: Lola Buschhoff

#WIRSINDMEHR – in meiner Blase scheint es daran erstmal keinen Zweifel zu geben. Öffne ich Facebook oder Instagram scheint es fast keinen anderen Hashtag mehr zu geben: Er mahnt und ermutigt als Rahmen von den Profilbildern meiner SocialMedia-Bekannten ausgehend, untertitelt Bilder von verschiedenen Demos, dem Konzert in Chemnitz (das übrigens zwischen 65.000 und 70.000 Besucher*innen anzog und damit die Zahlen des dreitägigen Hurricanes überboten hat!) oder ist integriert in Aufrufen, Kommentaren und sonstigen Wortbeiträgen. Aber natürlich ist mir bewusst, dass mir durch einen Algorithmus vorwiegend Beiträge derer angezeigt werden, die ein ähnliches Onlineverhalten mit ähnlichen Interessen praktiziert.

Und dann lebe ich auch noch in Münster. Hier hatten wir die damals größte Anti-Pegida-Demo und gleichzeitig war Münster bei der letzten Bundestagswahl der einzige Wahlkreis, in dem in dem die AfD die 5%-Hürde verfehlte. Aber so einfach funktioniert das nicht mit der Solidarität. Auch wir, die wir in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Blase leben, sind tangiert. Nicht nur, dass auch ich aushalten muss, wenn rechte Bundestagsabgeordnete, die ich nicht gewählt habe, durch ihre Arbeit Entscheidungen repräsentativ für mich mit verantworten, nicht nur, dass Alice Weidel mich kollektiv mit meint, wenn sie die Unterstützer*innen von #wirsindmehr als “Untertanen Merkels” betitelt. Es geht um eine Stimmung in dem Land und in der Gesellschaft, in der ich geboren und aufgewachsen bin. In der vermutlich meine Kinder zur Welt kommen werden. Da reicht es nicht, sich glücklich schätzen zu können, in einer reichen Stadt zu leben, in der Rassismus nicht so offen ausgetragen wird, wie es nun in Chemnitz passiert ist. Chemnitz ist kein Einzelfall. Es ist zu leicht, das Problem Rassismus nach Sachsen abzuschieben. Das verfälscht und verharmlost die bedrohliche Lage enorm. Wir haben ein Rassismusproblem in Deutschland, das es als solches zu benennen gilt. Und nur, wenn wir das einsehen und einstehen für Vielfalt und Gleichberechtigung aller und nur, wenn wir laut sind – unabhängig vom Wohnort und der eigenen Blase – können wir das Zeichen setzen, das dieser Gesellschaft fehlt. Denn wir sind mehr! Dabei müssen wir uns klar positionieren. Immer und immer wieder. Und klar positionieren können wir uns auf vielen Wegen. Demonstrationen liegen wohl als erster Gedanke nah und sind natürlich auch ausdrucksstark und wichtig. Aber jede*r von uns muss den eigenen Zugang und Weg finden, dafür einzustehen, zum Beispiel: Nicht müde werden, desillusionierende Gespräche zu führen mit Menschen, die sich von surrealen Ängsten leiten lassen. Im Alltag aufmerksam sein und diskriminierende Situationen aufdecken. Zivilcourage zeigen, hinterfragen.

Und dann stolpere ich in einer Insta-Story über einen Artikel aus dem Emma-Magazin,  “Jetzt ist der Hitlergruß wieder schlimmer, als wenn ein Mädchen vergewaltigt wird”. Zugegeben, der Satz stammt nicht von der Autorin, sondern ist ein Zitat aus einem Gespräch, das diese in Chemnitz geführt hat. Es wird jedoch in keiner Weise hinterfragt und insgesamt verschafft der Artikel ausschließlich Bürgerinnen Gehör, die zwar keine Nazis sind aber… Und ich muss mir eingestehen: Ich hab mich getäuscht. Auch in meiner Blase findet Rassismus statt, werden Nazisymbole durch einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen relativiert und damit verharmlost. Niemand stellt die Abscheulichkeit einer Vergewaltigung in Frage. Aber darum geht es hier nicht. An diesem Artikel gibt es nichts, das feministisch ist, in diesem angeblich feministischen Magazin, das von Alice Schwarzer gegründet wurde.

Und so schließe ich dieses Plädoyer für mehr Solidarität und ein klares Bekenntnis gegen rechts mit dem Appell, sich niemals zu sicher zu wähnen in der eigenen Blase. Seid wachsam und aufmerksam und steht auf gegen rechts. Immer und überall. Denn #wirsindmehr!

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