Weiteres aus den USA

Inzwischen hatte ich mich gut in den USA eingelebt. Aber ich fühlte mich immer noch etwas fremd. Und wie ich hinterher lernen sollte, ließ dieses Gefühl auch nicht nach – abgesehen von meiner Zeit in New York, was meine neue Wunschheimat wurde. Aber dazu später mehr.

Aus Washington führte der Weg mich und meinen Verlobten tief ins ländliche North Carolina. Hier blieben wir die nächsten sechs Wochen in einer kleinen hölzernen Blockhütte mitten im Wald und in den Bergen um in der nah gelegenen Univerwaltung ein Praktikum zu machen. Zwar hatten wir eine gute Internetverbindung, aber ansonsten erinnerte mich unser neues Zuhause auf Zeit an die Flitterwochen von Miranda und Steve – genauso klein, romantisch und abgeschnitten vom Rest der Welt war es hier. Abends saßen wir vor unserem Kamin und tranken viel zu teuren schlechten kalifornischen Wein. Da unsere Freund*innen überwiegend in Dorms auf dem Campus wohnten, entwickelte sich schnell eine Tradition, vieler lustiger und geselliger Abende auf unserer Veranda – in großer internationaler Runde.

Man hatte mich vorher gewarnt: Sprich bloß nicht über Politik mit den Amis. Aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich war, die das Thema reflexartig immer wieder auf den Tisch brachte, denn Trump hatte auch eine Kultur der Rechtfertigung erzeugt, und so dominierten die Weltpolitik und immer wieder verschiedene feministische Theorien unsere Gespräche. Schnell hatte ich den Stempel DER Feministin und wurde zu verschiedensten Themen ausgefragt und zu Demos eingeladen. Eine besonders spannende Diskussion ergab sich nach meinem ersten Basketballspiel unserer Unimannschaft, das ich besuchte. In den Pausen gehörte das Spielfeld den Cheerleader*innen. Highschool Girlies hüpften in Latex-Miniröcken und –Bustiers mal mehr, mal weniger im Takt der Musik und wackelten mit ihren Hintern. Das Publikum jubelte. War das nun ein Ausdruck von Emanzipation? Dass angehende Frauen akrobatische Hochleistungen erbrachten, die jedoch zu nichts anderem dienten, als ihre Weiblichkeit rhythmisch zur allgemeinen Erheiterung zur Schau zu stellen? Und warum sind es nur CheerleaderINNEN? Doch als die gegnerische Mannschaft angefeuert wurde entdeckte ich einen tatsächlich einen Cheerleader in der Masse. Für einen Moment schien ich fast erleichtert, dass dieses klassische Rollenbild „Mann spielt den harten Sport, Frau bejubelt sexy“ sich langsam zu lockern schien, dann las ich wenig später einen erschreckenden Artikel in der ZEIT über ausgebeutete Athletinnen – die NFL Cheerleaderinnen (Artikel vom 13.4.2018). So ist es den Sportlerinnen beispielsweise verboten, sich im gleichen Raum wie die NFL-Spieler aufzuhalten: Sitzen sie in einem Restaurant und ein Spieler betritt dieses ebenfalls, müssen sie die Lokalität umgehend verlassen. Gesprächsversuche müssen abgeblockt werden. Für Gewichtszunahme können Spielerinnen entlassen werden, sie erhalten Auflagen zur Genitalpflege und und und. Die Liste der Erniedrigungen scheint endlos. Eine ehemalige Cheerleaderin der New Orleans Saints, die aufgrund eines Instagramposts, der sie im spitzen Einteiler zeigte, gefeuert wurde, erhob nun Anklage. Es ist die erste Klage dieser Art – der Schuldspruch bleibt abzuwarten.

Cheerleading ist aus der amerikanischen Sportkultur nicht wegzudenken. Und dementsprechend wurde die Sportart in der anschließenden Diskussion auch stark verteidigt. Und auch ich bin der Meinung:  jede Frau sollte selbst entscheiden, ob und was für Sport sie praktiziert. Denn sexy Outfits sind ja nicht automatisch sexistisch. Doch höchstproblematisch bleibt dabei die geschlechterspezifische und normative Erwartungshaltung im Publikum und v.a. in der Sportindustrie. Cheerleading soll gefallen, schön anzusehen sein. Dass die Frauen dabei Hochleistungssport betreiben ist außerhalb des Interesses. Daran muss sich etwas ändern – ein erster und fundamental wichtiger Schritt dafür sind faire und gleichberechtigte Arbeitsbedingungen der Sportlerinnen.

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