Modemesse für mehr Sichtbarkeit durch Kleidung

Bild: Sinan Erbas

Es ist meine erste Modemesse, die Sommer Gallery 2018 und entsprechend aufgeregt starte ich den Tag. Nach ein paar Stunden Zugfahrt erreichen meine Freundin Maire und ich das Areal Böhler in Düsseldorf: ein altes Stahlwerk und die perfekte Eventlocation. Gut an Autobahn und öffentliche Verkehrsmittel angebunden und mit fünf, teilweise denkmalgeschützten, Hallen wird hier der europäischen Modeindustrie eine Bühne geboten.

„In unserem Land dümpelt die Mode“, mit dem Statement eröffnet Mara Michel, Geschäftsführerin vom Netzwerk deutscher Mode- und Textil-Designer e.V., die Podiumsdiskussion zum Thema „MUT und LUST auf NEUES“ – unser erster Programmpunkt. Und Designbotschafterin Anja Gockel moniert das fehlende Selbstbewusstsein vieler gestandener Frauen in Sachen Mode, die noch immer nicht ohne ihre Männer einkaufen gehen würden. „Wir brauchen selbstbewusste Frauen”, plädiert sie und fährt fort: „Ich verkauf keine Klamotte, ich verkaufe Inhalte, eine Philosophie, eine Vision.“ So diskutieren die Designbotschafterin 2017, Anja Gockel, Designerin Doris Hartwich, und die von der Moderatorin als Designer-Küken vorgestellte Sophia Schneider-Esleben, die ausschließlich nachhaltig produziert mit Diplom-Designerin Susan Wrschka, Influencer Maximilian Seitz und Project Director der Gallery Ulrike Kähler über Sichtbarkeit von Frauen durch Mode und darüber, wie der Handel kreative Designer*innen unterstützen könne. Am Ende steht fest: Die Kreativität ist Keimzelle der Mode, doch das scheint im Handel in Vergessenheit geraten zu sein und genau dort bedarf es „einer Evolution – keiner Revolution“, so formuliert es Doris Hartwich.

Doch es bleiben die Fragen, weshalb der Handel so wenig Mut und Lust auf Anderes habe, warum den Designer*innen nicht vertraut werde. Und genau hier setzt die Fashion Trade Show an: Ulrike Kähler erklärt, dass die Herausforderung der Messe nämlich genau darin liege, die Händler*innen für neue Brands zu interessieren. Um dies zu erreichen ziert sich die Managerin nicht, ihre Gäste persönlich bei einem Rundgang durch die fein kuratierten Stände zu begleiten.

Bild: Sinan Erbas

Also machen auch wir uns auf zu unserem Rundgang durch eben diese Stände. So viele Eindrücke prasseln auf mich ein. Ein reines Farbenmeer erstreckt sich vor uns und die Geräuschkulisse füllt sich mit Unmengen an Gesprächen. Und so kommen auch wir ins Gespräch mit Charlotte Salzmann, der Gründerin des Handtaschenlabels EMMA MY LOVE. Da ich momentan ein Faible für Leoprints habe, sticht mir die aktuelle Leopard Line direkt in die Augen und ich bin sofort verliebt. Etwas schüchtern erwähne ich meinen Blog und Charlotte zückt sofort ihr Smartphone (dem, Dank der integrierten Powerbanks in ihren Taschen, übrigens nie der Saft ausgeht) und scrollt durch meinen Instagramfeed. Ihre aufmunternden Worte motivieren mich und so fasse ich mir ein Herz und bitte sie um ein Interview zum Thema wenn Frauen in der Modebranche gründen. Ich kann es kaum fassen, als sie einwilligt. Aber das wird ein anderer Artikel ; ).

Wir schlendern weiter und entdecken meine Lieblingshalle, die Berliner Flair versprüht. Es riecht nach frischem Leder und insgesamt ist die Mode mehr edgy. Ethnostyle verbindet sich mit schlichten und eintönigen Pieces, die durch den simplen Schnitt Autorität versprühen, und ich bin so begeistert, dass wir fast den nächsten Termin verpassen: Die Modenshow der Fashion Platform. So flitzen wir zur nächsten Halle und akkreditieren uns erneut.

Hier scheint es, als hätten wir eine andere Welt betreten. Namedropping und Labeling wohin das Auge reicht, viel zu laute Musik und große Gladiolensträuße auf den wenigen Stehtischen. Der Geruch von viel zu süßem Lillet Berry liegt in der Luft und die neue Bachelorette steht mitten im Getümmel. Teenies mit langen blonden Haaren, Gucci-T-Shirt, Pradagürteln, weißen FILS-Sneakern und Louis Vuitton Tasche drängen sich vorm Spiegel auf der Damentoilette, um die Lippen nochmal nachzuzeichnen und ich komme mir zum ersten Mal heute wirklich fehl am Platz vor. Die Besucher*innen der restlichen Messe waren sicher nicht weniger prominent bekleidet – allerdings waren es keine reinen Prestigekleidungsstücke, dessen Logo dir förmlich ins Auge springt. Labels wurden – im Gegensatz zu dieser Show – nicht aufgedrängt und so wirkte das gesamte Arrangement seriöser und auch stilsicherer. Wir finden unsere Plätze für die Show und wenige Minuten später geht es auch los. Nun fühle ich mich wirklich wie Carrie Bradshaw: Wir sitzen tuschelnd auf den schwarz Bänken und schauen in die verwandelte Lagerhalle. Die Livemusik startet (und sie ist definitiv ein Highlight dieser Veranstaltung) und die ersten Models präsentieren die erste gemeinsame Kollektion von LA.LU Design & MANOUC: WMN PWR WMN. Es ist ihr Laufstegdebüt mit ausdrucksstarken Pieces und ausdruckstarken Models. Und hier macht Labeling plötzlich wieder Spaß – denn so stolzieren die Frauen* mit Pullovern, Gürtelschnallen und Co, auf denen in Großbuchstaben WMN PWR WMN steht, über den Teppich, ganz unter dem Motto empowered women empower women. Nach knappen 30 Minuten kommt es zum großen Finale und ich erwache wie aus einem Traum.

Wieder am Tageslicht reicht die Zeit gerade noch für eine erfrischende Limo, bevor es zum großen Get-together der Branche kommt. Und dort lassen wir den Tag bei netten Gesprächen, einem Glas Wein und verschiedenen Leckereien ausklingen.

Mein Fazit: Es ist ein ganz besonderer Vibe, der durch die Hallen und das Außengelände der Messe schwebt. Er transportiert Power und Mut zum Statement. Mode, als Instrument zu mehr Sichtbarkeit für eigene Ideen. Und das ist gleichermaßen Erkenntnis und Aussageabsicht, die es weiterhin in die breite Gesellschaft hinzutragen gilt. Denn solche individuellen und selbstbestimmten Ausdrucksformen sind auch aus feministischer Perspektive ein verbindendes Element, ein Vibe, den es weiterzutragen gilt.

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