Modebewusstsein vs. Feminismus

Wie es zu diesem Artikel kam? Eigentlich hat es damit angefangen, dass ich einfach gerne durch Modemagazine blättere. Und dabei ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich nichts über Mode weiß. Warum ist es wichtig, was die Queen zur Fashionweek getragen hat? Warum ist es wichtig, was Angela Merkel für Hosenanzüge trägt und warum ist es wichtig, was Brigitte Macron trägt? Auch die Kleidungsstile von Michelle Obama und Melania Trump wurden direkt verglichen und Aussagen hinein interpretiert – und das nicht nur in Modemagazinen, sondern auch in Zeitungen wie der ZEIT oder der Frankfurter Rundschau. Mode ist politisch. Mit dem, was ich trage, drücke ich etwas aus – eine Einstellung oder Zugehörigkeit – und auch Mode-Designer*innen geben (wenn auch vielleicht teilweise unbeabsichtigt) permanent Statements ab. So gibt es einen ziemlich großen Trendforschungszweig, der Mode-Designer*innen prophezeien möchte, was – als Reaktion auf gesellschaftliche und (welt)politische Ereignisse – bald modisch angesagt sein wird. Auch Trend-Comebacks lassen sich durch das politische Klima von entsprechenden Forscher*innen relativ zielsicher vorhersagen.

Mode ist also politisch. Sie bestärkt aber auch Schubladendenken und kann bereits bestehende Vorurteile festigen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon Sätze gehört habe wie „Du siehst gar nicht aus wie eine Jurastudentin“. Wie sieht denn die typische Jurastudentin aus? Müsste ich eine Michael-Kors-Tasche und ein Ralph-Lauren-Polo tragen, damit ich in das Bild passe? Und warum scheinen beispielsweise Modebewusstsein und Feminismus nicht zusammen zu passen? Fragen über Fragen. Dieser Artikel widmet sich der zuletzt genannten: Modebewusstsein vs. Feminismus!

Zeit, sich eine Definition für den Begriff Mode näher anzuschauen: Im Handbuch für Mode definieren Kennedy und Stoehrer (2014) diese als „eine ästhetische Praktik, die nützliche und mitunter einträgliche Produkte hervorbringt. Einerseits ist sie ein Handwerk oder eine Kunstform, andererseits ein milliardenschweres internationales Business.“

Beginnen wir also am Anfang: Ästhetische Praktik und Kunstform

Das philosophische Nachdenken über die Ästhetik füllt im Philosophiestudium ein ganzes Semester. An dieser Stelle kann also kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen, versuchen wir aber eine kurze Einordnung: Generell gilt Ästhetik traditionell als Theorie des Schönen und der Kunst (vgl. z.B. Majetschak 2016). Dieser führt aus, dass die erste dieser kaum je auf ihre Berechtigung hin befragten Selbstverständlichkeiten in der Überzeugung besteht, dass Kunst der Schönheit verpflichtet sei. Schönheit also als Zweck der Kunst – das scheint stets die Prämisse zu sein. Modernere Theorien  revidieren jedoch diesen Zusammenhang von Kunst und dem Schönen, so z.B. auch Wittgenstein in seinen späteren Werken (ebd.). Nun ist Schönheit auch ein überaus subjektiver Begriff und liegt immer im Blick der Betrachter*in. Und für Platon ist das Prinzip der Schönheit z.B. nicht in der wirklichen Welt zu suchen, sondern in den Ideen.

Ästhetik ist also nicht trennbar von Kunst und subjektiver Schönheit. Mode ist ein Produkt, das diese Aspekte vereint und darüber hinaus über die reine Nützlichkeit hinausgeht. Mode also als (politische) Kunstform? Kein fernliegender Gedanke, schaut man sich die detaillierten Werke der Modedesigner*innen an, insbesondere auch im Hinblick auf inszenierte und kreative Modenschauen. Und die politische Kunst ist ein wichtiger Bestandteil der Kunst an sich.

Mode ist also politisch – diese These lässt sich leicht bestätigen. Den Aspekt des milliardenschweren Business‘ lassen wir an dieser Stelle zunächst beiseite. Darauf wird im weiteren Verlauf des Artikels eingegangen.

Und Kleidung ist auch historisch immer Ausdruck und Symbol des politischen Zeitgeschehens gewesen, aber eben auch von Klassenzugehörigkeit. Die Journalistin Tran (2017) erwähnt dazu beispielhaft in ihrem Artikel für die Vogue „Vom Nischen-Aktivismus zum popkulturellen Phänomen“, Amelia Bloomer, die Herausgeberin des feministischen Magazins „The Lily“, die einen Skandal entfachte, als sie 1851 Hosen trug. Das sog. „Bloomer-Kostüm“ war eines der ersten modischen Zeichen für Gleichberechtigung. Auch die erste Welle der Frauenbewegung forderte um die Jahrhundertwende neben dem Wahlrecht eine neue Kleiderordnung, v.a. die Befreiung aus dem einengenden Korsett. Kleidung ist dabei das Symbol für Gleichberechtigung, die soziale Zugehörigkeit und Unterdrückung der Frau, für die das Korsett schließlich stand (vgl. z.B. ebd.).

Über die Jahrzehnte veränderten sich die Forderungen, veränderte sich die Mode. Die 1920er Jahre befreiten die Frau vom einengenden Korsett, die Röcke wurden kürzer und die Frau emanzipierter. Der Marilyn Monroe Look aus den 1950ern erreichte eine neue Emanzipationsstufe und auch noch in den 1980er Jahren kämpften Frauen in Powersuits, High Heels und mit Schulterpolstern für Gleichstellung im Arbeitsleben (vgl. ebd.).

Natürlich sind die Frauenbewegungen nur Beispiele. Hinter den meisten Stilrichtungen stecken bestimmte Wertvorstellungen und Aussagen. Aber bleiben wir für diesen Artikel beim Feminismus:

Die aktuellste Ausprägung von Mode und frauen*politschen Forderungen sind feministische Aufdrücke: weiße T-Shirts mit Schriftzügen a la „The Future is Female“, „Pussy grabs back“ oder „We should all be Feminists“. Auch dies sind Reaktionen auf eine Zeit, in der Chauvinisten als Staatsoberhäupter sexistische Politik betreiben. Die feministischen Ausrufe durch Kleidung sind eine Möglichkeit den Diskurs aktuell und lebendig zu halten, sie erreichen die Massen. Durch die häufige Verwendung, auch im Fastfashionbereich, ist der Feminismus zum marktfähigen Produkt geworden. Mode ist also auch ein milliardenschweres Business und somit Inbegriff des Kapitalismus. So diskutiert Tran im zuvor zitierten Artikel auch diese Frage und resümiert, dass die Feminist-Prints tragbar wären, solange „die Botschaft nicht zum Accessoire“ würde. Doch die Debatte um den Trend ist damit nicht beendet. Ze.tt Autorin Anika Landsteiner kann dem Trend wenig Feminismus abgewinnen und hinterfragt in einem Artikel die elende Doppelmoral: „ein Shirt mit Feminismus-Aufruf zu tragen, das in den meisten Fällen von einer Frau, im schlimmsten Fall von einem Kind in unmenschlichen Arbeitsverhältnissen, produziert wird“ hat mit feministischen Werten wenig zu tun.

Doch was bedeutet dies nun alles? Passen Mode und Feminismus nun zusammen oder nicht? An dieser Stelle fehlt das Anhängsel „Bewusstsein“. Dass bei Mode Bewusstsein zunächst mit einem ausgewählten Kleidungsstil assoziiert wird liegt auf der Hand. Bewusstsein in diesem Sinne meint das Gespür und das Auge für den eigenen Stil. Was als der Keypoint scheint, sollen Modebewusstsein und Feminismus vereint werden, ist neben dem optischen Erscheinungsbild auch das Bewusstsein für Produktion. Als ich mich mit ca. 13 das erste Mal mit dem Thema öko-faire Kleidung auseinandersetzte, gab es neben Kartoffelsack-ähnlichen Kleidern und bunten auffälligen Prints kaum Auswahl. Das hat sich stark geändert. Zahlenmäßig deutlich unterrepräsentiert, aber dennoch auffindbar gibt es inzwischen in allen großen Städten die Möglichkeit durch Läden zu bummeln, die fair produzierte Kleidung anbieten. Und da Nachhaltigkeit nur sozial- und umweltverträglich erreicht werden kann, sind auch Ökosiegel ein wichtiger Bestandteil von nachhaltiger Mode. Das Problem dabei ist jedoch für viele Konsument*innen der Preis. Denn faire Produktion hat faire Preise. Und dementsprechend können die Preise nicht mit Fastfashion mithalten. Darum habe ich mir nun eine Regel gesetzt: Bevor ich mir ein neues Kleidungsstück kaufe, schaue ich zuerst nach einer fairen Alternative. Ist diese preislich nicht mein Niveau, überlege ich, ob ich das Stück wirklich benötige. Nächste Stufe: Second Hand (Online-)Shops à la Kleiderkreisel oder Rebelle. Finde ich dadurch nicht das Teil, das ich suche, darf es im dritten Schritt auch konventionelle Mode sein. Schließlich muss es immer noch zum eigenen Geldbeutel passen. Denn – so Bloggerin Madelaine – das Statement auf dem T-Shirt ist nur so gut, wie das Statement im eigenen Leben. Wie gut ich allerdings mit dieser selbstauferlegten Auflage zurechtkomme, könnt ihr dann in der Kolumne verfolgen.

Verwendete Literatur:

Kennedy, Alicia; Stoehrer, Emily Banis (2014): fashion. Das Handbuch der Mode, Haupt-Verlag.

Landsteiner, Anika (2017): Warum Feminismus-T-Shirts gar nicht so feministisch sind. Ze.tt: https://ze.tt/warum-feminismus-t-shirts-gar-nicht-so-feministisch-sind/.

Majetschak, Stefan (2016): Ästhetik zur Einführung. Junius.

Tran, Quynh (2017): Vom Nischen-Aktivismus zum popkulturellen Phänomen: Schadet die Mode dem Feminismus? Vogue: http://www.vogue.de/mode/mode-news/feminismus-mode-hype

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