Liberate Fashion – das Motto dieser Berliner Fashionweek

Immer wieder erreichen mich Kommentare dazu, dass es super schwer ist, sich modisch freizumachen von Konventionen, da es so schnell als oberflächlich abgestempelt wird. Und auch zum Stichwort „Oberflächlichkeit“ krieg ich – zwar weniger, aber dennoch hin und wieder – Nachrichten: Zum Beispiel, dass Mode nur ein Zur-Schau-stellen wäre und lächerliche Statussymbole bediene. Liebe Leute, u.a. weil ich diese Gespräche auch vor diesem Blog im Privaten viel geführt habe, gibt es diesen Blog und nun diese Kolumne.

Denn: Mode ist ein Politikum geworden. Auch in den eher linken und in feministischen Kontexten. Denn dort stößt zu modisches Interesse noch oft auf – an Ablehnung grenzende – Irritation. Die Thematik ist sensibel. Denn hier prallen Anschauungen auf einander, die unterschiedlicher nicht ausgelebt werden könnten, eigentlich aber das gleiche Ziel verfolgen: eine feministische Gesellschaft. Und subtile Unterstellungen, dieses gemeinsame Ziel nicht aufrichtig zu verkörpern, ist eine Unterstellung die schmerzt. Doch woher kommt die Verknüpfung, dass Menschen, die sich bewusst „modisch“ oder auch mal sexy kleiden, femininer konnotierte Outfits wählen, nicht in feministische Kreise zu passen scheinen? Und diese Vorwürfe treffen – denn sie kommen aus den eigenen Reihen. Hier gehen Auffassungen und Forderungen ja drastisch auseinander. Meine Auffassung ist jedoch klar: Menschen aufgrund ihres Kleidungsstils als oberflächlich abzustempeln ist vieles, aber jedenfalls nicht feministisch! Grundsätzlich glaube ich auch, dass bestimmte v.a. weibliche äußerliche Ideale entstanden sind, um Männern zu gefallen. Sicher ist das auch oft ein Motivationsgrund sich entsprechend zu kleiden, oder auch zu schminken. Aber genau dazu fehlt mir der Gegenpol in vielen Debatten, die ich geführt habe. Denn über all dem steht ja die Prämisse, dass wir uns immer für andere kleiden. Und dass das für einen großen Gesellschaftsteil zu trifft, möchte ich gar nicht abstreiten – da liegt ein großes Problem, das bekämpft werden muss. Aber wir können uns eben auch ausschließlich für uns kleiden und es als eine mögliche Ausdrucksform sehen. Und dabei muss Mode ja nicht immer Mainstream sein, ganz im Gegenteil: die Haute Couture ist z.B. in den seltesten Fällen alltagstauglich.

Für mich ist meine Kleidung – auch deshalb – eine richtige Ausdrucksform. Bevor ich meine Kleidung auswähle gehe ich den bevorstehenden Tag noch einmal durch, überlege, was alles ansteht und was meine persönlichen Ziele dabei sind. Je nach Terminen und Anlässen möchte ich vielleicht unterschiedliche Stärken modisch unterstreichen, vielleicht auch Schwächen kaschieren… Je nachdem wie ich mich dann fühle, wähle ich meine Kleidung. Leiste ich heute irgendwelche Gremienarbeit, in der ich als studentische Vertreterin für die Wahrnehmung meiner Statusgruppe besonders hart kämpfen und gute Deals aushandeln muss? Dann möchte ich meine Verhandlungsskills bekräftigen und entscheide mich vielleicht für Leoprint Accessoires (Leopard*innen stehen in der Mythologie für Mut und Stärke). Bin ich eh schon emotional super gestresst? Dann möchte ich mich vielleicht mehr auf meine innere Mitte und Ausgeglichenheit fokussieren und wähle sicher etwas Sportlicheres. Das sind jetzt plumpe Beispiele, die aber deutlich machen, wie viel mehr hinter einem oberflächlich als „trendigen“ abgestempelten Kleidungsstil steckt. Darum zwei Apelle: Liebe Leute, urteilt nicht ebenso oberflächlich über eine Person aufgrund ihres Kleidungsstils. Außerdem macht euch frei von Konventionen! Was gefällt dir? Was möchtest du tragen? Das sind die einzigen relevanten Fragen, die es zu stellen gibt (natürlich neben einem hinterfragten Konsumverhalten!). Denn you matter! Be who you want to be – nichts wirkt empowernder, als der Mensch zu sein, der du sein möchtest. So let’s liberate fashion – um das Motto der diesjährigen Berliner Fashionweek zu zitieren.

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