Kein Platz für Alltagssexismus

>>Wie begegne ich Alltagssexismus?<<, diese Frage scheint nicht nur mich momentan zu beschäftigen. Ich bin überwältigt: Im Rahmen meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft organisiere ich einen Workshop zum selbigen Thema und innerhalb kürzester Zeit habe ich größte Resonanz erfahren. Neben mehreren hundert Facebook-Interessierten kontaktierten mich heute dann die lokale Zeitung sowie das Radio, die über die Veranstaltung berichten möchten. Mir rutschte das Herz fast in die Hose und auch jetzt kriege ich noch ein leicht mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke, vor so vielen Menschen und vor der Presse reden zu müssen. Aber anscheinend trifft das Thema gerade einen Nerv. Neben Interessensbekundungen haben mich aber auch inhaltliche und vertrauliche Nachrichten erreicht, in denen Erfahrungen sexueller Belästigung geschildert wurden und nach Unterstützungsangeboten gefragt wurde. Das Vertrauen und die Offenheit überwältigen mich insbesondere, weil ich diese Nachdrücklichkeit nicht erwartet hätte. Sind die Beratungsangebote so rar oder unbekannt, dass die bloße Ankündigung einer Veranstaltung zum Thema so eine Resonanz auslöst?

So werden die Uniunterlagen und die Gesetzestexte (außer gewisse Passagen des Strafgesetzbuchs [hier schreibe ich nämlich in ein paar Tagen die Klausur] und vielleicht das Landesgleichstellungsgesetz [aus gegebenem Anlass]) diese Woche wohl etwas ruhen, damit ich den Workshop entsprechend vorbereiten kann. Denn wie begegnet mensch denn nun Alltagssexismus?

In Zeiten der Me-too Debatte, in der neben Sensibilisierungsprozessen auch immer mehr Männerstimmen laut werden a la „man(n) wird ja wohl noch mal ein Kompliment machen dürfen!?“, ist es wichtiger denn je, sich nicht verunsichern zu lassen und einzustehen für die Gleichstellung und gegen Sexismus und nicht aus Scham (oder manchmal vielleicht auch Bequemlichkeit) die Konfrontation scheuen. Und dabei muss auch ich mich immer wieder empowern und bestärken. Denn unabhängig davon, wie sicher ich mir theoretisch bin, alltagssexistische Situationen entstehen oft ganz unerwartet und erschweren es uns so überrumpelt angemessen zu reagieren.

Ich denke an eine Situation Anfang des Jahres. Ich war bei einem Neujahrsempfang und während ich mit einem Kollegen Mitte 60 im Gespräch war, checkte er plötzlich merklich meinen Körper ab, blieb mit den Augen in meinem Dekolleté hängen und sagte: „Immer wieder ein schöner Anblick“ und lachte. In diesem Kontext muss nichts weiter dazu gesagt werden und ich ärgere mich bis heute, das ich nicht schlagfertig reagiert habe – aber in der Situation redete ich mich einfach schnell aus dem Gespräch und mied den weiteren Kontakt. Unfassbarerweise war es nicht einmal die Scheu vor der Konfrontation – da bin ich inzwischen relativ plump. Aber ihn vor dem versammelten Kollegium bloß zu stellen, das erschien mir in der Sekunde nicht angemessen (was ein Schwachsinn!!!). Das tragische an der Geschichte ist, dass ich überzeugt bin, selbst wenn besagter Kollege diesen Text nun lesen würde, würde er sich garantiert nicht angesprochen fühlen. Es war wahrscheinlich tatsächlich nett gemeint. Aber hey, das macht es nicht besser. Niemand hat das Recht ungefragt meine Geschlechtsorgane oder meine Weiblichkeit zu kommentieren.

Andere Geschichte: Vor einigen Jahren, als ich gerade aus meinem Elternhaus in die erste eigene Wohnung gezogen war und im Zug auf dem Weg dorthin saß – aus irgendeinem Grund nahm ich damals einen super frühen Zug – teilte ich mir das gesamte Zugabteil mit nur einem weiteren Mann, der mein vertieftes Lesen der Vogue wohl als „Hey Fremder, bitte zeig mir deinen Penis“ deutete und sein bestes Stück rausholte, daran spielte, mit der Zunge schnalzte und immer wieder zu mir herüber schielte. Ich verließ hastig den Zugabteil – fand keinen Schaffner und rief aus einem unerklärlichen Grund nicht die Polizei.

Irgendwann zwischen den eben geschilderten Ereignissen, als ich in einem anderen Studijob arbeitete, teilte ich mir ein Büro mit einem Kollegen, der – wie ich mit der Zeit lernen musste – eine Schwäche für pornografische Filme auf seinem Dienstrechner hatte und sich auch nicht zierte diese zu schauen, während ich am Schreibtisch gegenüber arbeitete, Stöhngeräusche inklusive.

Ich beschäftige mich zwar erst seit einem guten Jahr intensiv mit feministischen Theorien, aber auf den Mund gefallen war ich nie. Trotzdem reagierte ich allen der geschilderten Situationen schwach und alles andere als empowert. Klar, es ist einfach, sich charmant aus der unangenehmen Situation zu manövrieren und der Konfrontation zu entkommen – aber so kann keine Änderung erwartet werden. Und besonders tragisch, dass es tatsächlich einige Zeit gedauert hat, bis ich die Vorfälle als tatsächlich erlebten Sexismus klassifiziert habe. Hier liegt das Perfide. Wir erleben sexistische Situationen so regelmäßig im Alltag, dass wir uns fast dran gewöhnt haben.

Aber genauso wichtig wie das aufmerksam machen auf alltagssexistische Situationen, ist es auch zu erkennen, wann ein Konter nicht ausreicht und gegebenenfalls auch Gefahren bergen könnte. Niemals darf bei allem Empowern eine Schuldverschiebung stattfinden. Im Unrecht ist immer (!) der, der sich sexistisch äußert und sexistisch handelt und uns bedrängt, belästigt, in Situationen bringt, in denen wir uns unwohl fühlen. Egal, wie empowert oder nicht empowert wir reagieren: Daran ist nichts zu rütteln! Und das muss klar sein!

Dass der Workshop nun also eine so große Resonanz erhält, ist ein Zeichen dafür, dass endlich eine Sensibilisierung für das Thema stattfindet – wenn auch langsam. Wir wollen, können und dürfen alltagssexistische Situationen nicht mehr tolerieren. Das ist ein erster und wohlmöglich der wichtigste Entschluss. Die nun in die Tat umzusetzen erfordert jedoch Selbstbewusstsein und rhetorische Skills, die trainiert werden müssen. Und in Fällen, wo schlagfertiges Kontern nicht mehr hilft, muss klar sein, wo Hilfe gefunden werden kann. Wen hätte ich in aller Herrgottsfrühe aus dem Zug anrufen sollen? Das sollte ich einfach wissen – ohne langes überlegen, dass die Inanspruchnahme von Beratungsangeboten erschwert. Und unsere feministischen Freund*innen sind  Also bildet Banden, kleine Feminist Fights Clubs, denn: Girls support girls.

P.S.: Hintergrundinfos und Methodik zum Workshop gibt’s bald als Denkanstoß (ist in Arbeit)!

Eine Antwort auf „Kein Platz für Alltagssexismus“

  1. Hey! 🙂 echt schön aus dem Leben wa du da schreibst, das gefällt mir voll!
    Weil ich zusammen mit einer Gruppe auch einen workshop vorbereite, beschäftige ich mich grade auch mit dem Thema. Aber gerade die Tatsache, dass das ganze in einen workshop muss … baut da eine Hürde auf. Hättest du Lust irgendwie noch zu schreiben wie du diesen workshop aufgebaut hast. Ich bin für JEDE Inspiration dankbar!!
    Liebe Grüße :))

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