Freiheit als Privileg?

In Deutschland habe ich mich an einen eher durch getakteten Alltag gewöhnt, in dem sich ein Programmpunkt an den nächsten reiht. Gestört hat mich das nie – ganz im Gegenteil, es belebt und bereichert mich und ich hatte schon immer ein Händchen dafür, Sachen, die mir keinen Spaß machen so zu modifizieren, dass sie mir plötzlich Freude bereiten.

Seit dem ich nun die ersten Wochen in unserer romantischen Hütte in North Carolina verbracht habe, abgeschnitten vom Rest der Welt, scheint meine Welt völlig stillzustehen. Klar, ich gehe zur Arbeit, aber ab nachmittags habe ich einfach frei. Und die Wochenenden sind auch frei. Ich beginne über das Wort frei nachzudenken. Mein Drang nach Freiheitsgefühl war schon immer stark ausgeprägt und Dank eines unerklärlichen Zufalls bin ich auch als weiße Deutsche mit einem akademischen und liebevollen Elternhaus in einer überaus privilegierten Blase aufgewachsen, so dass ich wahrscheinlich nie erfahren habe was es heißt, unfrei zu sein. Mit 16 habe ich an einem Austauschprogramm in Irland teilgenommen und lebte dort für ein halbes Jahr in einer Gastfamilie. Eine fantastische Zeit – doch die Organisation, die den Austausch organisierte, hatte ziemlich strenge Richtlinien. Als ich mir damals das Regelbuch durchlas war ich so frustriert und hab es als pure Provokation aufgefasst und mitten in der Pubertät habe ich mir meine eigene Challenge gestellt: Jeden Tag eine Regel brechen. So bin ich ohne Führerschein Auto gefahren, habe die Stadt verlassen ohne mich bei der Organisation abzumelden, war das erste Mal richtig betrunken, rauchte meine erste Zigarette und tat lauter anderen absolut unspektakulären Kram der mich aber auf eine kuriose Weise erfüllte.

Ich erinnere mich an einen Abend vor ein paar Tagen. Mein Verlobter hatte plötzlich Heißhunger auf Burger – aber von unserem Berg aus hätten wir ca. 1,5 Stunden zur nächsten Imbissbude laufen müssen. Im Dunkeln. Am Highway entlang. Keine gute Idee, falls wir nicht überfahren werden wollten. Also haben wir es gelassen. Natürlich ist das keine belastende Einschränkung, er musste sich allenfalls mit einer Packung Chips zufrieden geben. Aber nach Freiheit fühlte sich der Abend auch nicht an, schließlich waren wir irgendwie in der Blockhütte gefangen. Als mir auffällt, wie privilegiert diese Problemchen sind, ist mir allein der Gedanke fast peinlich. Denn tatsächlich liebten wir diese Ruhe und Romantik vom ersten Tag an. So entschleunigt bin ich wahrscheinlich noch nie in meinem ganzen Leben zuvor gewesen. Niemand hier kann uns sehen und kann uns hören, so dass die Musik oft vollaufgedreht ist und ich gewöhne mich schnell daran einfach nackt herumlaufen zu können, ohne akribisch auf die Rollläden und Vorhänge achten zu müssen. Eindeutig ein Gefühl von Freiheit. Wir schlafen bis mittags, brunchen auf der Veranda mit Blick in die Berge und als eine Freundin letztes Wochenende um 15.30 Uhr anrief und fragte, ob wir mit ihr und ihrem Freund ins benachbarte Tennessee fahren wollen, stand nichts auf unserer Agenda, das dem entgegengesprochen hätte. Auch so spontan war ich noch nie zuvor. Und so passierten wir die Berge und feierten bis spät in die Nacht im kleinen Örtchen Gatlinburg, in dem ich mich wie in einen Hollywoodschmöker aus den 1980er Jahren versetzt fühlte. Hier scheint die Zeit irgendwie stillzustehen. Und so tiefenentspannt war ich wirklich lange nicht mehr.

Und in dieser gleichen Welt gibt es unzählige – vor allem Frauen -, die patriarchalen Strukturen ausgeliefert sind und niemals so selbstverliebt Freiheit einfordern können, wie ich es gerne tue. Ich denke zunächst an Frauen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Südamerikanische Frauen zum Beispiel, die in einigen Ländern nach einer Fehlgeburt zu Haftstrafen wegen Mordes verurteilt werden können. Oder an Frauen in ländlichen Regionen Indiens, wo die eigenen Dorfregeln noch immer höheren Wert haben, als staatliche Gesetze. Wo Frauen zu Vergewaltigungen verurteilt werden können, wenn die Dorfältesten das für angemessen halten. Oder an Frauen in Saudi Arabien, die sich vollverschleiern müssen und erst seit neustem überhaupt einen Führerschein machen dürfen. Und dann denke ich an meine Freundin, die sich nicht mit ihrem Freund treffen darf, wenn ihr kleiner Bruder sich nicht im selben Raum aufhält. Oder an eine Freundin, die gerade zum Austausch an meiner Uni studiert, aber neben den Prüfungsleistungen hier auch sämtliche Arbeiten im Heimatland schreiben muss und dadurch quasi keine Freizeit hat und somit auch nicht richtig ankommt. Alles andere Arten von Unfreiheit. Einige fundamentaler und gravierender als andere, aber alle einschränkend. Wieder denke ich an den No-Burger-Abend zurück und schäme mich. Aber dann ärgere ich mich über dieses Schamgefühl. Schließlich bin ich mir der Relation bewusst und beschließe noch einmal mehr, für die Freiheit ALLER zu kämpfen. Denn wir können zwar nichts für unsere Privilegien – aber wir können sie nutzen!

Und die Wochen streichen ins Land: viel Schlaf, ausgiebige Brunchorgien und vor allem jede Menge nette Begegnungen und gesellige Abende. Aber wir leben so im Hier und Jetzt, dass uns selbst der Tag des Abschieds nicht traurig stimmt.

Die letzten Tage vor dem Rückflug verbringen wir in New York. Hier waren wir schon zu Beginn des Abenteuers „USA“ und wir können das Kontrastprogramm in der Stadt, die niemals schläft, kaum erwarten. Das Touri-Pflichtprogramm ist beim ersten Besuch schon abgearbeitet worden und so picknicken wir jetzt im Central Park, machen einen Abstecher auf die afrikanischen Märkte in Harlem, treffen Sarah Jessica Parker im Bloomingdales, laufen über die Brooklynbridge (ok – das ist ein Touripunkt) und landen schließlich in der famosen Bar Fortuna in West Village. Ich fühl mich großartig und vor allem eins: FREI!

Zu Silvester hatte ich mit meiner Schwester eine Bucketlist gemacht – niemals hätte ich gedacht, dass ich wenige Monate später direkt diverse Punkte auf dieser abhaken kann. Ein Punkt springt mich förmlich an. Diesen einen Punkt werde ich niemals abhaken, das müssen dann in hoffentlich vielen, vielen Jahren Familie und Freund*innen übernehmen (so es wahr sein sollte): Niemals aufhören für die Freiheit aller zu kämpfen.

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