Du bist schön.

Ich stehe in Köln am Bahnhof und während ich auf den Zug warte, hole ich mir einen Kaffee beim Bäcker – einen großen Cappuccino um genau zu sein. Noch etwas müde nehme ich den vollen Becher mit Milchschaumkrone entgegen, da höre ich plötzlich eine Männerstimme, die mich von der Seite anquatscht: „Weißt du wie viele Kalorien der hat?“ Ich bin irritiert – was will der denn?

„Ähm, ne. Aber ist mir auch echt egal“, antworte ich und will mich gerade wegdrehen, als er ungefragt fortfährt: „610 Kalorien. Weißt du wie viele Kilometer du joggen musst, um das abzutrainieren?“, mansplaint er. Jetzt bin ich nicht länger nur irritiert, ich werde langsam richtig wütend. „Ja weiß ich!“, setze ich an und fahre fort „nämlich gar nicht“. Der Fremde lacht laut auf: „12 Kilometer. Machst du keinen Sport?“ Er hört einfach nicht auf. Was bildet der sich eigentlich ein? Aus einer Mischung von Empörung und größter Genervtheit ziehe ich die Augenbrauen hoch, wende mich ab und rufe ihm im Weggehen noch zu, dass es ihn gar nichts angeht und dass ich Sport wenn überhaupt für mich und mein Wohlempfinden betreibe, aber keineswegs um irgendwelche Kalorien abzutrainieren. Und auch wenn es absolut keine Rolle spielt: Niemals hat ein einziger Cappuccino 610 Kalorien…

Ein klassischer Fall von Men explaining the world to me. Aber die Situation will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wie kommt es, dass ein fremder Mensch sich traut, ungefragt meinen Körper zu kommentieren? Ist es nicht das einzig wichtige, dass ich happy bin mit meinem Gewicht? Dass ich mich in meiner Haut wohlfühle? Aber so läuft das offenkundig nicht in unserer Gesellschaft. Die anstrebenswerte Norm scheint sich eher im unterernährten Bereich zu befinden. Dabei sollte doch das eigene Wohlfühlgewicht im Fokus stehen. Medien und Werbung suggerieren uns ein so perfides „Normal“maß, das dank Photoshop und Co leichtfertig retuschiert werden kann, aber für Ottine Normalverbraucherin kaum zu erreichen ist. Und ehrlich gesagt auch nicht zu erreichen sein sollte, da es definitiv nicht gesund ist, so abgemagert dem Alltagsstress ausgesetzt zu sein. Dabei gilt die Grenze der Gesundheit natürlich in beide Richtungen. Völlig losgelöst von Schönheitsidealen ist ein erhebliches Unter- oder Übergewicht eine Belastung für jeden Körper – insbesondere Organe wie die Niere oder Leber leiden darunter. Aber wenn ich mich in meinem ziemlich diversen Freund*innenkreis umschaue, beginnen die Körperkomplexe innerhalb des gesunden Rahmens. Und ehrlich: freisprechen kann ich mich davon auch nicht.

So war ich neulich bei einer Geburtstagsfeier von einer guten Freundin. Während wir in lockerer Runde beisammen saßen, kam die Frage auf, ob wir lieber fünf Sprachen fließend sprechen können würden oder essen was wir wollen ohne dick zu werden. „Ist doch ganz klar“, rief eine intuitiv: „essen ohne dick zu werden. Ist das geil!“. Wie schockierend! In dem Beispiel steckt die Bildung eindeutig hinter der stumpfen Angst zurück, irgendwann nicht dem perfiden Idealmaß zu entsprechen.

An dieser Stelle muss ich wohl leider auch meinen Sex and the City – Kodex ins Kreuzfeuer nehmen. So denke ich an die Szene im ersten Kinofilm, in der Samantha sich kulinarischen Genüssen hingibt, um Smith nicht zu betrügen. Sicher ist das nicht Ausdruck von purem Genuss, sondern steht in Zusammenhang mit einer frustrierenden Lebenssituation. Aber die wenigen Kilos mehr, die ihr die Produzent*innen der Serie auf die Rippen schummeln, lassen sie keinesfalls zu dick und unschön wirken. Als Samantha dann jedoch auf ihre drei Freundinnen trifft, die ihr – ehrlich wie ein Spiegel – vorhalten, wie „dick“ sie geworden sei, kann ich nicht anders als mich tierisch zu ärgern. Samantha, die auf die 50 zu geht hat nicht einen Gramm zu viel! Woran es fehlt ist Freude, in ihrer derzeitigen Lebenssituation. Solche Szenen produzieren Wahnvorstellungen bezüglich der eigenen Körperstruktur, die gefährliche Ausmaße annehmen. Ca. 91 Prozent der Frauen sind unzufrieden mit ihrem äußeren Erscheinungsbild. Das sagt doch wohl wirklich alles!

Nora Tschirner kämpft seit einiger Zeit engagiert gegen den Druck, den solche Schönheitsideale aufbauen, gegen das sogenannte Boddyshaming. Dabei lernte sie die Australierin Taryn Brumfitt kennen und gemeinsam produzierten sie den Dokumentarfilm „Embrace – du bist schön“. In einem Interview mit der BZ-Berlin, formuliert sie die Lebensaufgabe, mit der wir uns diesbezüglich wohl alle persönlich (und übrigens geschlechterunabhängig) auseinander setzen müssen, wie folgt: „Ich habe jetzt mein Leben und das ist toll, und falls ich das Glück haben soll­te, rich­tig alt zu wer­den, wird der größ­te Teil mei­nes Le­bens mit einem Ver­wel­kungs­pro­zess zu tun haben. Darum muss­te ich mich mit mei­nem Kör­per an­freun­den. Und vor allem mit des­sen Ver­än­de­rung.“

So go ahead and spread the word: You are beautiful!

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